DER ANSCHNITT Heft 5-6/2022

Artikel-Nr.: Anschnitt Heft 5-6/2022
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Dr. Olaf-Schmidt-Rutsch vom LWL-Industriemuseum Henrichshütte Hattingen betrachtet mit dem Kohlenüberseehandel ein in der deutschen Montangeschichtsschreibung bislang kaum beachtetes Thema. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die Ursache für das im 19. Jahrhundert bald abnehmende Interesse am Kohlenexport in den produktions- und marktpolitischen Konzentrationsbestrebungen der Ruhrindustrie zu finden sind oder aber durch die qualitative Beschaffenheit der Kohle begründet war, die sich nicht für lange Seereisen eignete und aus diesem Grund auf den globalen Märkten nicht nachgefragt wurde. Steinkohle wurde so zwar in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem globalen Handelsgut. Mit längeren Reisen zeigte sich aber gerade bei der Ruhrkohle eine Gefährdung der Schiffe, die auf die Materialität und Beschaffenheit der Kohlen zurückzuführen war. Selbstentzündungen der Ladung und Explosionen führten zu zahlreichen Schiffsverlusten und als Reaktion darauf zur Entwicklung von Strategien der Risikovermeidung, die unterschiedliche Ansätze innerhalb des sich stetig und dynamisch entwickelnden industriellen Verkehrssystems verfolgten. Begleitet wurden diese Ansätze durch eine Grundlagenforschung, die das Wissen um die Steinkohle als Transportgut stetig vermehrte. Am Beispiel der Ruhrkohle lässt sich jedoch gleichzeitig feststellen, dass die um 1860 entwickelten Strategien zur Marktexpansion nach Übersee im Laufe der Zeit an Bedeutung verloren und ein ineinandergreifendes System von Transport und Verladung nur in geringem Umfang realisiert wurde.

Dr. Michael Farrenkopf, Leiter des Montanhistorisches Dokumentationszentrums beim Deutschen Bergbau-Museum Bochum, stellt die Grundzüge der außeruniversitären Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen am Beispiel der Leibniz-Gemeinschaft und ihrer Forschungsmuseen vor, die in der öffentlichen Wahrnehmung als solche bislang wenig bekannt sind. Dies hat auch damit zu tun, dass eine historische Aufarbeitung der Forschungsinstitute, die zunächst auf der „Blauen Liste“ standen und später in einen der kleinsten außeruniversitären Forschungsverbünde, die „Leibniz-Gemeinschaft“, überführt wurden, bisher kaum stattgefunden hat. Der Beitrag nähert sich dem Thema erstmals aus wissenschaftspolitischer und institutionengeschichtlicher Perspektive. Erstens wird die Geschichte der Leibniz-Gemeinschaft als außeruniversitäre Forschungssäule in Deutschland untersucht. Zweitens skizziert er die landespolitischen Bemühungen um die „außeruniversitäre Forschung“ in NRW während der 1970er- und 1980er-Jahre, um den Charakter der Forschungsmuseen in dieser Zeit näher zu bestimmen. Drittens liegt der Fokus auf dem Deutschen Bergbau-Museum Bochum, um dessen Aufnahme in die Blaue Liste 1977 im Kontext von Bergbaukrise, Strukturwandel und Wissenschaftspolitik für das Ruhrgebiet einzuordnen.

Dr. Ulrich Thiel, ehemaliger Leiter des Stadt- und Bergbaumuseums Freiberg, widmet seinen Beitrag drei Silberbechern der Freiberger Schmelzerknappschaft aus dem späten 17. Jahrhundert. Die Becher ordnen sich in eine Traditionslinie von Goldschmiedearbeiten ein, wie sie von Freiberger Meistern seit der Schaffung des Saigerhüttenpokals 1625 in aufwändiger Einzelfertigung hergestellt wurden. Dazu reflektieren sie einen Trend für die nach dem Dreißigjährigen Krieg in beträchtlicher Zahl geschaffenen Trinkgefäße in Deutschland und seinen Nachbarstaaten. Der wichtigste Unterschied zur üblichen Beauftragung derartiger Gegenstände und ihrer Nutzung durch eine vermögende Person bestand darin, dass hinter den Knappschaftsbechern nicht privates Vermögen stand, sondern das angesparte Geld einer größeren Gemeinschaft. Nur durch ihren Zusammenschluss, durch die Kraft vieler Mitglieder, von denen jeder für sich genommen keine solchen finanziellen Möglichkeiten besaß, gelang die Aufbringung der Mittel zur Anschaffung. Und nur in Gemeinschaft, nämlich im Rahmen knappschaftlichen Festkultur, kamen die wertvollen Gegenstände zum Einsatz.

 

PD Dr. Dietmar Bleidick

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